Argula-Denkmal

 Das Lentinger Argula-von-Grumbach-Denkmal

Es war die Idee des Geschichtskreises Lenting, die berühmteste Einwohnerin des alten Lenting,  Schlossherrin Argula von Grumbach, an die bereits ein Straßennamen erinnert, nun auch mit einem Denkmal zu würdigen. Die Gemeinde Lenting hat in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirchengemeinde St. Paulus und dem Geschichtskreis dieses Projekt im Laufe des Jahres 2017 verwirklicht.

Unter Berufung auf die Bibel verfasste die gebildete Adelige im Jahr 1523 Protestschreiben an die Universität Ingolstadt und den bayerischen Herzog, um einem bedrängten Anhänger Luthers in  Ingolstadt beizustehen. Diese Briefe wurden als Flugschriften in hohen Auflagen verbreitet, was sie überregional bekannt machte. Auf dem Denkmal hält Argula die Bibel in der Hand, aus der sie in ihren Briefen häufig zitiert; die Professoren stehen ihr mit dem Fehdehandschuh gegenüber, denn sie haben ihr den geforderten Disput verweigert. Die Bildtafeln darunter symbolisieren ihre reformatorischen Flugschriften und informieren den Betrachter über Argulas Leben und Wirken. Die Gestaltung der Flachplastik erfolgte durch den in Lenting geborenen Künstler Stefan Weyergraf Streit.

LINK:    Plakat zur Denkmal-Enthüllung

Enthüllung des Argula-Denkmals am 29.10.2018 in Lenting

Am Beginn der Feier stand ein ökumenischer Gottesdienst in der voll besetzten Lentinger Pfarrkirche St. Nikolaus mit dem katholischen Pfarrer Heigl und dem evangelischen Pfarrer Schürmann, der die Predigt hielt.

Foto: Baumgärtner

Danach enthüllten der Künstler Stefan Weyergraf Streit und Dorothea Burkhardt von der Argula-von-Grumbach-Stiftung München vor zahlreichen Zuschauern aus Lenting und Umgebung das Denkmal auf dem Vorplatz der Lentinger Schule.

Foto: König

Auf dem Foto freuen sich über das fertige Denkmal (von links): Bürgermeister Christian Tauer, Dekan Thomas Schwarz (Ingolstadt), Christa Bukovics vom Kirchenvorstand St. Paulus, der evangelische Pfarrer Christoph Schürmann, der Künstler Stefan Weyergraf Streit, Dorothea Burkhardt im Kostüm der Argula, der katholische Pfarrer Josef Heigl und Anton Müller vom Geschichtskreis Lenting.  

Im Anschluss folgt mit freundlicher Genehmigung des Autors der ausführliche Pressebericht von Otto Frühmorgen (Kösching) über die Feier zur Denkmalenthüllung.           W.Baumgärtner

 

Große Feier zur Enthüllung des Argula-von-Grumbach-Denkmals in Lenting

Von Otto Frühmorgen

Lenting .  Als das Sturmtief „Herwart“ am Sonntagvormittag  mit starken Regenschauern wütete, glaubte wohl niemand daran, dass gegen Mittag sich die Sonne zeigte. So konnte mit einer großen Feier bei strahlendem Wetter das Argula-von-Grumbach-Denkmal enthüllt werden. Nach einem ökumenischen Gottesdienst versammelten sich die offiziellen Vertreter, zahlreiche Ehrengäste und viele Bewohner von Lenting und Interessenten aus der ganzen Region, um diesen historischen Augenblick mit zu erleben. Stefan Weyergraf gen. Streit und Dorothea Burkhardt in der Tracht des 16. Jahrhunderts enthüllten das Denkmal, die Flötengruppe und der Chor der Grundschule Lenting unter der Leitung von Frau Mathes umrahmten den feierlichen Augenblick.

Zu Beginn versammelten sich zahlreiche Gäste in der St. Nikolauskirche zu einem ökumenischen Gottesdienst, gemeinsam zelebriert vom kath. Ortspfarrer  Josef Heigl und den evangelischen Pfarrer Christoph Schürmann.  Dieser stellte  in seiner bemerkenswerten Predigt als Leitmotiv den Satz von Jesus in der Bergpredigt in den Mittelpunkt „Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt.“ Damit fordere Christus die Gläubigen auf, Finsteres aufzudecken, nicht weg zu schauen – ob es Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit befördert oder nicht, ob es dem Leben dient oder nicht. „Argula   von Grumbach hat genau das in ihrer Zeit getan – nicht wegschauen und aufdecken. Deshalb leuchtet ihr Leben auch noch fast 500 Jahre nach ihrem Tod“, so Pfarrer Schürmann. Eine wichtige Orientierung in ihrem Leben sei ihr eine  deutsche Bibel gewesen, die ihr der Vater bereits im Alter von zehn Jahren schenkte. Aufgrund ihres Glaubens konnte Argula in der Affäre um den jungen Arsatius Seehofer nicht schweigen; sie greift zur Feder und formuliert ein mutiges Protestschreiben an die Universität Ingolstadt: „Der Herr sagt: Ich Licht komme in die Welt, dass ein jeglicher, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibt.“ So geht Argula mit wachen Augen durch die Welt und prüft, was sie sieht, hält es neben Gottes Wort, ob beides zusammen passt – oder auch nicht. In ihren Flugschriften, die in 30.000 Exemplaren im Umlauf waren sei es ihr –wie auch Luther – nicht darum gegangen, einen neuen Glauben zu vertreten, sondern sie wollte daran erinnern, was uns als Christinnen und Christen aller Konfessionen bis heute verbindet: Jesus Christus.

Der Hass der männlichen Widersacher sei grenzenlos gewesen, oft von Spott begleitet. Angesichts der Tatsache, dass sie nach 1524 nichts mehr veröffentlicht hat, fragte Pfarrer Schürmann: „Ist Argula von Grumbach also gescheitert?“ Man solle seinen Mut nicht vom Erfolg abhängig machen, meinte der Prediger, denn sonst hätte sich in der Welt nie etwas geändert. „Dass Argula von Grumbach einmal in die reformatorische Geschichte eingehen und in Lenting – wie auch in anderen Wohnorten – ein Denkmal bekommen würde, konnte sie sicher nicht ahnen.“

Bürgermeister Christian Tauer bei seinem Grußwort.            Foto: Frühmorgen

Nach der Enthüllung des Denkmals strömten alle in die nahe gelegene Turnhalle, wo Bürgermeister Christian Tauer den Reigen der Grußworte begann.  Nach der Benennung einer Straße sei dieses Denkmal das zweite sichtbare Zeichen für Argula: „Dies ist ein Denkmal, das von allen Seiten erkundet werden will. Der Bürgermeister erinnerte an die Initiative des Geschichtskreises und dankte den zahlreichen Spendern sowie dem Künstler Stefan Weyergraf gen. Streit  für die gelungene Umsetzung.

Dekan Thomas Schwarz (Ingolstadt) stellte die grundlegende Frage: „Darf ein Mensch mit dem, was er getan hat, der Nachwelt in Erinnerung bleiben?“ Argula sei gebildet und bibelfest gewesen. Von dieser Lentingerin könne man lernen, Mut zu haben und den Mund aufzumachen, sich einzusetzen für die, die unsere Unterstützung brauchen, auch wenn es unbequem ist. 

Dazwischen sang der Kirchenchor unter der Leitung von Helga Sichert das Lied „Freudenklänge steigen empor, Festgesänge klingen im Chor“. Danach meinte Inge Gehlert, Landesvorsitzende des evangelischen Frauenbundes: „Schade Argula, dass du nicht Mitglied in unserem Frauenbund bist! Mit Deinem Mut hätten wir dich gerne in unseren Reihen.“ Leider seien die Frauen in der Kirchengeschichte eine verkannte Spezies gewesen. Deshalb gebe es in Niedersachsen sog „Frauenorte“ Inge Gehlert lobte das Denkmal mit seiner  Strahlkraft. Aus diesem Grunde  sollten auch wir wie Argula mutig und beredt streiten.

Frau Burkhardt im Kostüm der Argula      Foto: König

Einen besonderen Auftritt  hatte Dorothea Burkhardt von der Argula-von-Grumbach-Stiftung in München. Als Argula verkleidet meinte sie: „Ich hätte nicht gedacht, dass meine Flugschriften auch im Jahre 2017 noch so aktuell sind!“  Auch damals sei die Welt im Umbruch gewesen, der Unterschied zwischen Arm und Reich sehr groß. Argula von Grumbach habe keinen Aufruhr anstiften wollen, sondern nur diskutieren. Ihr Mann Friedrich habe sie nicht verstoßen, sondern als Frau respektiert. Dorothea Burkhardt erinnerte an den Gleichstellungspreis der Stiftung und ein Musical über die Reformatorin, das in Münster/Westfalen aufgeführt wurde. Daraus zitierte sie: „Nimm dein Herz und den Verstand, nimm die Zukunft in die Hand, geh deinen eigenen Weg…“

Im Namen des Geschichtskreises erinnerte Anton Müller an die vielfältigen Bemühungen seiner Mitstreiter, sich mehr als bisher mit der örtlichen Familien- und Ortsgeschichte zu befassen. Der Name der adeligen Lentingerin sei vielen im Heimatkundeunterricht begegnet, aber außer der Straßenbezeichnung – eine Anregung des damaligen 2.Bürgermeisters Hans Greis in den 1950er Jahren – habe ihr Name ein Schattendasein in der Wahrnehmung der meisten Ortsbürger geführt. Wegen des anstehenden Reformationsjubiläums sei die Idee zur Errichtung eines Denkmals von vielen begeistert aufgenommen worden. Im Mittelpunkt sollte „die charakterliche, gesellschaftspolitische Bedeutung der ehemals ortsansässigen Frau gewürdigt werden. Mit Stefan Weyergraf gen. Streit  habe man einen überzeugenden Entwurfverfasser gefunden. Nach längeren, nicht immer einfachen, aber schließlich erfolgreichen Diskussionen habe der Gemeinderat unter dem Vorsitz von Bürgermeister Christian Tauer im Mai 2016 den Antrag gebilligt. Damals sei auch der finanzielle Rahmen und der Standort festgelegt worden. „Da steht es nun, das Gemeinschaftswerk von Kommune, Kirchengemeinde und Geschichtskreis.“ Da auch die katholische  Kirchenstiftung mit einem namhaften Kostenbeitrag sich beteiligt habe, könne nun ein ökumenisches und künstlerisch beachtenswertes Denkmal der Öffentlichkeit angeboten werden, betonte Anton Müller. Er dankte allen, die zum Gelingen beigetragen haben, und schloss mit den Worten: „ Dieses Kunstwerk ist eine kulturelle Bereicherung für die Gemeinde Lenting, aber auch für die Schule, die nun ein markantes Erinnerungsmal in ihrem Eingangsbereich bekommen hat. Eine Informationsstation sozusagen, die sicherlich Impulse für eine anschauliche Gestaltung der Ortsgeschichte im Unterricht geben wird.“  Vielleicht kann das Denkmal auch ein Gewinn für die Betrachter sein im Sinne der Botschaft der Argula: Der Einsatz für Gerechtigkeit, eine unerschütterliche Standhaftigkeit bei der Verteidigung der Wahrheiten sowie feste Glaubensüberzeugungen sind wesentliche Tugenden aufgeklärter Menschen – auch in dieser Zeit.“

Nach der Feier erläutert Stefan Weyergraf Streit das Denkmal bei Nacht.       Foto: Frühmorgen

Der so oft angesprochene Künstler Stefan Weyergraf Streit nutzte die Gelegenheit, auf die Entstehungsgeschichte und die Gestaltung des Denkmals näher einzugehen. Als geborener Lentinger sei er dort zur Schule gegangen, wo jetzt das Kunstwerk steht. Später sei er an der Haltestelle am ehemaligen Wasserschloss in den Bus eingestiegen, um ins Gymnasiumnach Eichstätt zu fahren.  Durch das Studium der Theologie habe er näheren Zugang zur geistigen Welt der Argula erhalten, und durch seine Ausbildung an der Akademie habe er die Voraussetzungen für die künstlerische Umsetzung geschaffen. Wichtige Grundlage sei die intensive Beschäftigung mit der Baugeschichte des Lentinger Wasserschlosses gewesen. Schließlich habe er mit dem Geschichtskreis drei Jahre lang um die beste Lösung gerungen. Dabei wollte er nicht – wie in Beratzhausen vor der dortigen Erlöserkirche – eine Statue der Argula schaffen. Ihm schwebte von Anfang an ein „selbstredendes Denkmal“ vor: Argula  als „Ökumenische Brückenfigur“, und die 27 Schau- und Bildtafeln sollen Auskunft geben über viele Stationen ihres Lebens, angefangen von einer Begegnung mit Luther bis zu einem Verbotsedikt des damaligen bayerischen Herzogs. Auch der Künstler drückte seinen großen Dank an die Gemeinde, die Kirchengemeinden, den Geschichtskreis und die beteiligten Firmen aus.

Zum Abschluss sprach die Historikerin Dr. Susanne Greiter (Eitensheim) in ihrem Festvortrag über die „Fliegenden Worte“ der Argula von Grumbach. Zuerst wies sie auf die oft schwierige Quellenlage hin, die jedoch durch das Auftauchen immer neuer Puzzleteile verändert werde. Anschließend stellte sie eloquent und kompetent in Wort und eindrucksvollen Bildern das Leben und Wirken der Reformatorin vor. Dazu gehöre die Tatsache, dass sie vom Licht fasziniert sei und vom Wort Gottes, das alles bewirken werde. Die Historikerin ließ wichtige Stationen vom Leben der Argula Revue passieren, ihre Geburt auf der Burg Ehrenfels bei Beratzhausen und ihre Prägung durch die Welt der Ritter und des Adels, die Erziehung am herzoglichen Hof in München, den plötzlichen Tod der Eltern und die Hinrichtung ihres Onkels Hieronymus in Ingolstadt. Mit dessen Enthauptung sei eine Ära zu Ende gegangen, und die Familie der Stauffer habe ihren bisherigen Einfluss, die gesellschaftliche Stellung und ihre finanzielle Basis für immer verloren. Susanne Greiter schilderte die Bedeutung der Hochzeit mit Friedrich von Grumbach und ihr Leben in Dietfurt, Altmannstein und Lenting. Als Kuratorin der Ausstellung „Ingolstadt in Bewegung“ betonte sie „Reisen war für Argula kein Problem, die Mobilität Teil ihres Lebens“. Humanistisch gebildet, habe sie schon früh Kontakte mit den Reformatoren aufgenommen und ein Netzwerk aufgebaut. Die Flugschriften hätten „wie ein Katalysator“ gewirkt mit Luther als Zentrum. Dies sei „der Beginn der globalen Kommunikation“.

In den Mittelpunkt ihrer Ausführungen stellte Dr. Susanne Greiter die Affäre um den jungen Studenten Arsatius Seehofer, der aus einer Münchner Patrizierfamilie stammte. Sie schilderte detailgetreu die Auseinandersetzung in Ingolstadt, das sich schon damals als Bollwerk der katholischen Kirche entwickelte, das Eingreifen der Argula, die das Wort Gottes für sich entdeckt hatte, ihren Brief an die Professoren und die harte Haltung des bayerischen Herzogs durch sein Religionsmandat.  Das Jahr 1523 habe mit der Affäre Seehofer alles verändert, Argula sei zur Grenzgängerin geworden, zur „frühneuzeitlichen Feministin“. Sie steige in die Spitzengruppe der Flugschriftenschreiber ein, nur von Luther übertroffen. Mit der Herausforderung aller geistlichen und weltlichen Autoritäten habe sich die Affäre Seehofer zur „Affäre Stauff“ entwickelt. Das Jahr 1524 bringe das Ende der Karriere ihres Mannes Friedrich und ihr endgültiges Verstummen. Sie zieht nach Franken und führt ein Leben als Hausfrau. Im Jahre 1530 trifft sie Luther auf der Veste Coburg, 1554 stirbt sie wahrscheinlich  in Zeilitzheim im Alter von 62 Jahren. Angesichts dieses Schicksals fragt die Historikerin: “Was bleibt von Argula?“ – Ihr Netzwerk und ihre Botschaft, das heißt der Glaube und das Streben nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit.